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»Wer sich auf Schumatsky einlässt, stößt auf den Abgrund unserer Freiheit.« 
Adam Soboczynski, DIE ZEIT

 

Die Krise der Wahrheit                                      Essay NZZ 2016

Ohne die Postmoderne würde ich wohl noch in Russland leben, und ich würde wahrscheinlich wie viele dort glauben, dass die ukrainische Krim meinem Volk gehört. Doch auch wenn ich in Europas Westen geboren wäre, wäre mir heute möglicherweise angst und bang um das eigene Volk, wenn Foucault, Derrida und Co. an mir vorbeigegangen wären. Aber glücklicherweise hat das poststrukturalistische Denken alle, die es wollten, aus den Fesseln nationaler Identitäten oder fixer Geschlechterrollen erlöst. Ich ging aus Moskau weg nach Berlin, in die befreiende Postmoderne, und doch finde ich mich heute in einer Welt wieder, in der Millionen Menschen sich kollektiven Trugbildern unterwerfen: Finstere Eliten, denken sie, wollen sie "umvolken", und in meinem Geburtsland begrüßen sie gar einen Krieg im Namen des Volkes. Dies geschieht innerhalb politischer Verschiebungen, die gewöhnlich als Flüchtlings- und als Ukraine-Krise bezeichnet werden. Jedoch parallel zu den jüngsten Krisen geschieht fast unbemerkt eine, die ihre Wurzeln in der Postmoderne hat: die Krise der Wahrheit. mehr...

Kadaver auf Urlaub                                         Essay NZZ 2015

Die Emigration holte mich ein, ohne dass ich einen Fuß vor die Tür gesetzt hätte. Sie kam über mich in Gestalt einer Frau mit grünem Lidschatten, einer langen Zigarette in der Hand und gerümpfter Nase. Das sollte ich sein, der «Emigrant Schumatsky». So karikierte mich eine russische Website, der ein Artikel von mir nicht gefiel. Ein Emigrant ist überheblich, verkommen und zugleich weibisch – dieses Feindbild teilten die Nationalsozialisten mit den Bolschewiken. Ein dekadenter weißer Emigrant nach 1917 oder einer von diesen deutschen Exilanten, über die der Propagandaminister Joseph Goebbels einmal sagte: «Mögen sie noch eine Weile weiter geifern, die Herrschaften in den Pariser und Prager Emigranten-Cafés, ihr Lebensfaden ist abgeschnitten, sie sind Kadaver auf Urlaub.» mehr...

Mein Feind, die Revolution                             Essay ZEIT 2015

Es gibt viele Gründe, eine Revolution abzulehnen. Man kann zu konservativ, zu bodenständig oder einfach zu alt dafür sein. Was ich mir aber bisher nicht vorstellen konnte, ist, dass man zu links für eine Revolution sein kann.Vor einem Jahr hing ich tagaus, tagein vorm Bildschirm, auf dem in Echtzeit Videos aus Kiew liefen. Als es dort immer kälter wurde, gingen jeden Tag weniger Menschen auf die Straße, und irgendwann protestierte nur ein Häufchen frierender Studenten gegen das Regime, das ihre Mündigkeit geraubt hatte. Dann schlug die Polizei zu. mehr...

Tod in Moskau                                                   Essay FAZ 2014

Anfang dieses Jahres, zwei Monate nach dem Tod meines Vaters, schoss sich in Moskau ein pensionierter Admiral in den Kopf. Wie mein Vater war er krebskrank. »Niemand ist schuld an meinem Tod außer dem Gesundheitsministerium und der Regierung«, stand auf dem Zettel den er hinterließ. Am Tag vor dem Selbstmord hatte die Gattin des Admirals vergeblich versucht, Morphin-Ampullen für ihn zu bekommen. Morphin ist das wirksamste Schmerzmittel, das verabreicht wird, wenn nichts anderes mehr hilft. mehr...

Published on  September 9th, 2016