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»Wer sich auf Schumatsky einlässt, stößt auf den Abgrund unserer Freiheit.« 
Adam Soboczynski, DIE ZEIT

Das potjomkinsche Paradies                                             Die Zeit  2017

Nach kaiserlichem Willen, nach Weisung des Generalsekretärs sollte man an diesem Ort glücklich sein. Und ich war hier glücklich. Glücklich waren auch meine Eltern, glücklich war ihre Freundin, die sich aus dem Busfenster lehnte und rief: “Ach, der Oleander! und die Luft, die Luft!” Wir fuhren in einem Trolleybus auf der längsten Oberleitungsbus-Linie der Welt, drei Stunden vom Eisenbahnhof in Simferopol zum Meer. Am Straßenrand die Rosensträucher höher als der Bus. Es war der erste Tag des Urlaubs und der glücklichste, weil unser Glück gerade erst begonnen hatte und noch unverbraucht vor uns lag. Ich war vielleicht acht. Als unser Trolleybus über die Serpentinen bergab raste, schrien die Fahrgäste auf. Ich schaute nur herunter aufs blaue Schwarze Meer.Zwei Jahrhunderte zuvor fuhr die Kaiserin Katharina aus St. Petersburg auf die Krim. Es war eine für sie höchst zufriedenstellende Reise, kaiserlich gemächlich, die Ankunft genau auf den Sommeranfang gelegt. "Noch nie habe ich Birnbäume so groß wie die höchste und dickste Eiche gesehen, und die hiesige Luft", schrieb Katharina unterwegs, "ist das Allerangenehmste!"

Es ist ein Schock, wieder über die Krim zu fahren, und ich muss mich fragen, ob sich Präsident Putin diese schäbigen Plattenbauten, Bierkioske am Straßenrand, Grillhähnchenbuden und Karaoke-Bars überhaupt angesehen hat, bevor er sie 2014 annektieren ließ? mehr...

Der Internetkrieger                                                     Portrait Die Welt  2017

Ein Ereignis machte Marcel Sardo vor drei Jahren berühmt und bescherte ihm den Ruf eines Putin-Trolls. Es war genau dasselbe Ereignis, das auch mich politisch aufgerüttelt hat. Anfang 2014 hockten wir beide wie gefesselt vor unseren Computern und verfolgten Livestreams aus Kiew. Sardo erzählte mir, dass dies sein Erweckungserlebnis war. Wir sahen dieselben Bilder der Maidan-Revolution, und doch brachten sie uns auf verschiedene Seiten einer Front, die unsere politische Umwelt heute spaltet. Vor dem Maidan war Marcel Sardo ein Schweizer Kleinunternehmer, der in seinem Sozialen Netzwerk ganze 25 Freunde hatte. mehr...

Die Politinformation                                                               Essay taz  2017

Als ich zum letzten Mal die Öffentlichkeit bewusst belogen habe, war ich 19 Jahre alt und stand kurz vor dem Rausschmiss aus meiner Moskauer Hochschule. Im Pflichtfach Zivilschutz hatte ich alle Seminare geschwänzt, bis sie mich aus der Kommunistischen Jugendunion ausschließen und exmatrikulieren wollten. Aber sie gaben mir noch eine Chance zu beweisen, dass ich doch ein guter Komsomolze war. Ich sollte eine Politinformation durchführen. Es war das Jahr 1983, in dem ein so­wjetischer Abfangjäger eine zivile ­Boeing 747 der Korean Air Lines abschoss, die sich in den Luftraum der UdSSR verirrt hatte. Darüber sollte ich die Kommilitonen politisch „informieren“. Ein Dutzend Studenten, die ­lieber nach Hause gehen wollten, hörten mir zu, wie ich den Mord an 269 Menschen rechtfertigte. mehr...

Die Krise der Wahrheit                                                         Essay NZZ 2016

Ohne die Postmoderne würde ich wohl noch in Russland leben, und ich würde wahrscheinlich wie viele dort glauben, dass die ukrainische Krim meinem Volk gehört. Doch auch wenn ich in Europas Westen geboren wäre, wäre mir heute möglicherweise angst und bang um das eigene Volk, wenn Foucault, Derrida und Co. an mir vorbeigegangen wären. Aber glücklicherweise hat das poststrukturalistische Denken alle, die es wollten, aus den Fesseln nationaler Identitäten oder fixer Geschlechterrollen erlöst. Ich ging aus Moskau weg nach Berlin, in die befreiende Postmoderne, und doch finde ich mich heute in einer Welt wieder, in der Millionen Menschen sich kollektiven Trugbildern unterwerfen: Finstere Eliten, denken sie, wollen sie "umvolken", und in meinem Geburtsland begrüßen sie gar einen Krieg im Namen des Volkes. Dies geschieht innerhalb politischer Verschiebungen, die gewöhnlich als Flüchtlings- und als Ukraine-Krise bezeichnet werden. Jedoch parallel zu den jüngsten Krisen geschieht fast unbemerkt eine, die ihre Wurzeln in der Postmoderne hat: die Krise der Wahrheit. mehr...

Kadaver auf Urlaub                                                                    Essay NZZ 2015

Die Emigration holte mich ein, ohne dass ich einen Fuß vor die Tür gesetzt hätte. Sie kam über mich in Gestalt einer Frau mit grünem Lidschatten, einer langen Zigarette in der Hand und gerümpfter Nase. Das sollte ich sein, der «Emigrant Schumatsky». So karikierte mich eine russische Website, der ein Artikel von mir nicht gefiel. Ein Emigrant ist überheblich, verkommen und zugleich weibisch – dieses Feindbild teilten die Nationalsozialisten mit den Bolschewiken. Ein dekadenter weißer Emigrant nach 1917 oder einer von diesen deutschen Exilanten, über die der Propagandaminister Joseph Goebbels einmal sagte: «Mögen sie noch eine Weile weiter geifern, die Herrschaften in den Pariser und Prager Emigranten-Cafés, ihr Lebensfaden ist abgeschnitten, sie sind Kadaver auf Urlaub.» mehr...

Mein Feind, die Revolution                                                 Essay ZEIT 2015

Es gibt viele Gründe, eine Revolution abzulehnen. Man kann zu konservativ, zu bodenständig oder einfach zu alt dafür sein. Was ich mir aber bisher nicht vorstellen konnte, ist, dass man zu links für eine Revolution sein kann.Vor einem Jahr hing ich tagaus, tagein vorm Bildschirm, auf dem in Echtzeit Videos aus Kiew liefen. Als es dort immer kälter wurde, gingen jeden Tag weniger Menschen auf die Straße, und irgendwann protestierte nur ein Häufchen frierender Studenten gegen das Regime, das ihre Mündigkeit geraubt hatte. Dann schlug die Polizei zu. mehr...

Tod in Moskau                                                                                 Essay FAZ 2014

Anfang dieses Jahres, zwei Monate nach dem Tod meines Vaters, schoss sich in Moskau ein pensionierter Admiral in den Kopf. Wie mein Vater war er krebskrank. »Niemand ist schuld an meinem Tod außer dem Gesundheitsministerium und der Regierung«, stand auf dem Zettel den er hinterließ. Am Tag vor dem Selbstmord hatte die Gattin des Admirals vergeblich versucht, Morphin-Ampullen für ihn zu bekommen. Morphin ist das wirksamste Schmerzmittel, das verabreicht wird, wenn nichts anderes mehr hilft. mehr...

Published on  September 3rd, 2017