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Aktuell

Macht der Musik, Musik der Macht Accentus Music  2019

Über den wunderbaren Dirigenten Wilhelm Furtwängler werden zwei wunderbare Geschichten erzählt, von denen man heute aber nicht mehr weiß, wie wahr sie sind. Die erste Anekdote spielt an der Wende zum 20. Jahrhundert. Furtwängler, der Sohn eines Münchener Archäologieprofessors, geht zusammen mit seinem Privatlehrer auf eine Alpenwanderung. Es ist ein regnerischer Pfingsttag. Sie wandern die Brennerstraße herunter nach Brixen, und als sie an einem Bach vorbei gehen, kommt ihr Gespräch auf die damalige Bach-Renaissance. Später wird Furtwänglers Lehrer Ludwig Curtius, dann bereits ein berühmter Altertumsforscher, oft an dieser Stelle vorüberfahren, und immer wieder daran denken, was hier vorgefallen war.

»Wir kamen eben zu einer Mühle und zu einer Brücke über einen rauschenden Bach, als ich ihm darlegte, die Arien und Choräle der Matthäuspassion [Bachs] drückten eine persönlichere, substantiellere Frömmigkeit aus als der transzendente Stil der Missa Solemnis [Beethovens]. Darauf er: "Jedenfalls ich kann das moderne sentimentale Archaisieren nicht mitmachen. Wenn du so denkst, können wir nicht weiter zusammen wandern“, rief seinen [Hund] Boxl, der uns begleitete, und schickte sich an, einen Seitenweg einzuschlagen.«  mehr...

Der Mut der VerzweiflungDeutschlandfunk Kultur  2018

Unsere Wohnung wurde nie von Behörden durchsucht, obwohl meine Eltern das nicht ohne Grund befürchtet hatten. Der Einzige, der dort Hausdurchsuchungen vornahm, war ich selbst. Ich kam nach der Schule allein nach Hause und statt meine Hausaufgaben zu machen, durchstöberte ich aus Langeweile und Neugier die Sachen meiner Eltern. Einmal fand ich in Vaters Bücherschrank Patronen für ein Kalaschnikow-Maschinengewehr.  mehr...

Boris' TraumDeutschlandfunk Kultur  2017

Damals hatte Boris Schumatsky bereits geahnt, dass er selbst bald verschwinden würde. Er bat seine Tochter, ihren neugeborenen Sohn nach ihm zu nennen, damit zumindest sein Name weiter lebt. Das war mein Vater, der auch mich Boris Schumatsky nannte. Ich glaube, ich bin der letzte Boris Schumatsky in dieser Geschichte, und es ist nun an mir, einen Punkt zu setzen.  mehr...

Das potjomkinsche Paradies ZEIT  2017

Nach kaiserlichem Willen, nach Weisung des Generalsekretärs sollte man an diesem Ort glücklich sein. Und ich war hier glücklich. Glücklich waren auch meine Eltern, glücklich war ihre Freundin, die sich aus dem Busfenster lehnte und rief: “Ach, der Oleander! und die Luft, die Luft!” Wir fuhren in einem Trolleybus auf der längsten Oberleitungsbus-Linie der Welt, drei Stunden vom Eisenbahnhof in Simferopol zum Meer. Am Straßenrand die Rosensträucher höher als der Bus. Es war der erste Tag des Urlaubs und der glücklichste, weil unser Glück gerade erst begonnen hatte und noch unverbraucht vor uns lag. Ich war vielleicht acht. Als unser Trolleybus über die Serpentinen bergab raste, schrien die Fahrgäste auf. Ich schaute nur herunter aufs blaue Schwarze Meer. Zwei Jahrhunderte zuvor fuhr die Kaiserin Katharina aus St. Petersburg auf die Krim. Es war eine für sie höchst zufriedenstellende Reise, kaiserlich gemächlich, die Ankunft genau auf den Sommeranfang gelegt. "Noch nie habe ich Birnbäume so groß wie die höchste und dickste Eiche gesehen, und die hiesige Luft", schrieb Katharina unterwegs, "ist das Allerangenehmste!"

Es ist ein Schock, wieder über die Krim zu fahren, und ich muss mich fragen, ob sich Präsident Putin diese schäbigen Plattenbauten, Bierkioske am Straßenrand, Grillhähnchenbuden und Karaoke-Bars überhaupt angesehen hat, bevor er sie 2014 annektieren ließ.  mehr...

Mein Feind, die Revolution ZEIT 2015

Es gibt viele Gründe, eine Revolution abzulehnen. Man kann zu konservativ, zu bodenständig oder einfach zu alt dafür sein. Was ich mir aber bisher nicht vorstellen konnte, ist, dass man zu links für eine Revolution sein kann. Vor einem Jahr hing ich tagaus, tagein vorm Bildschirm, auf dem in Echtzeit Videos aus Kiew liefen. Als es dort immer kälter wurde, gingen jeden Tag weniger Menschen auf die Straße, und irgendwann protestierte nur ein Häufchen frierender Studenten gegen das Regime, das ihre Mündigkeit geraubt hatte. Dann schlug die Polizei zu. mehr...

​​​​​​Russland ist eine Lüge ZEIT 2014

Die wohl größte Schwierigkeit im Umgang mit Russland ist dies: Russland lügt. Diese pauschale Behauptung klingt wie ein Slogan des Kalten Krieges, und zugleich ist sie die einzige, die der Realität gerecht wird. Als ich nach dem Zerfall der Sowjetunion meine ersten Zeitungsartikel schrieb, vermied ich stets den Reporter-Jargon, »Moskau will«, »der Kreml behauptet«. Wenn ich damals las, »die Russen überfallen Tschetschenien«, musste ich an meine Freunde in Moskau denken, und es kam mir ungefähr so zutreffend vor wie Ronald Reagans Spruch vom »Reich des Bösen«. Heute schreibe ich nicht nur, dass mein Geburtsland ein Reich der Lüge geworden ist. Russland selbst ist eine Lüge.  mehr...

Tod in Moskau FAZ 2014

Anfang dieses Jahres, zwei Monate nach dem Tod meines Vaters, schoss sich in Moskau ein pensionierter Admiral in den Kopf. Wie mein Vater war er krebskrank. »Niemand ist schuld an meinem Tod außer dem Gesundheitsministerium und der Regierung«, stand auf dem Zettel den er hinterließ. Am Tag vor dem Selbstmord hatte die Gattin des Admirals vergeblich versucht, Morphin-Ampullen für ihn zu bekommen. Morphin ist das wirksamste Schmerzmittel, das verabreicht wird, wenn nichts anderes mehr hilft.  mehr...

Published on  April 5th, 2019