Boris  Schumatsky

.
RUSSLAND IST EINE LÜGE
.
Putin und die Postmoderne (Autorenfassung)


.


Die wohl größte Schwierigkeit im Umgang mit Russland ist dies: Russland lügt. Diese pauschale Behauptung klingt wie ein Slogan des Kalten Krieges, und zugleich ist sie die einzige, die der Realität gerecht wird. Als ich nach dem Zerfall der Sowjetunion meine ersten Zeitungsartikel schrieb, vermied ich stets den Reporter-Jargon, »Moskau will«, »der Kreml behauptet«. Wenn ich damals las, »die Russen überfallen Tschetschenien«, musste ich an meine Freunde in Moskau denken, und es kam mir ungefähr so zutreffend vor wie Ronald Reagans Spruch vom »Reich des Bösen«. Heute schreibe ich nicht nur, dass mein Geburtsland ein Reich der Lüge geworden ist. Russland selbst ist eine Lüge.

Das Lügen beginnt bei simplen Fakten. Erst gäbe es keine russischen Soldaten auf der Krim, dann gibt es sie wohl. Erst gab es sie nicht in der Ostukraine, dann doch, aber sie hätten sich dorthin verlaufen, nein, sie machten dort bloß Urlaub, und sie wollen sowieso nur Frieden. Das klingt wirr, ist aber Strategie.

Als Instrument der Politik ist die Lüge besonders effektiv, wenn sie nicht mit einer Selbsttäuschung einhergeht. Die politische Lüge ist nur dann Lüge, wenn der Lügner selbst nicht an sie glaubt. An Putins Lügen glauben allein seine Versteher und Unterstützer im In- und Ausland. Versucht man, auch nur ein Körnchen Wahrheit im russischen Lügengebilde zu finden, wird man zum »nützlichen Idioten« des Kremls. Etwa wie eine bekannte Russlandkennerin im deutschen Fernsehen. Erst wiederholte sie die Lüge Putins, er habe keine Soldaten auf die ukrainische Krim geschickt. Dann hielt sie auch daran fest, nachdem Putin eingestanden hatte, es wären doch seine Soldaten. Moskau widerlegt die eigenen Lügen gerne mal selbst, sobald sie ihm nicht mehr nützen. Wie seine nützlichen Handlanger dann dastehen, ist dem Kreml egal. Er weiß, sie werden sich schon eine Rechtfertigung zurechtbasteln.

Das Regime bedient sich meist der Lügen, die schon lange in den obskursten Ecken der russischen Gesellschaft herumschwirren. Alte Lügen wirken besser, wie etwa die NATO-Lüge. Sie besagt, dass der Angriffsblock das Vaterland immer enger einkessele. Andere Lügen werden neu erfunden und von Putins Freunden in Ost und West nacherzählt: Die Ukrainer seien Faschisten, und die Russen müssen ihre Heimat wie schon im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten verteidigen.

Die Freunde der russischen Autokratie missverstehen die Politik des Lügens. Der Kreml legt es nicht wirklich darauf an, dass man seine Lügen glaubt. Putin siegt, wenn andere Regierungschefs die Lügen unwidersprochen stehen lassen. Sicher weiß Putin, dass ihn zumindest einige Politiker durchschauen. Hauptsache: sie nennen den Betrug nicht Betrug, die Invasion nicht Invasion und einen hybriden Krieg nicht Krieg. Dabei ist es für den Kreml zweitrangig, welches Motiv seine Kontrahenten haben: Ob die Angst vor russischen Atomwaffen oder der Pazifismus ihrer Wähler. Sobald die Wahrheit nicht mehr gegenwärtig ist, siegt die Lüge.


»Versuch, in der Wahrheit zu leben«, dazu haben die Andersdenkenden im Realsozialismus aufgerufen, Alexander Solschenizyn 1974 und vier Jahre später Václav Havel. Aus ihrem Wahrheitsanspruch entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks ein Führungsanspruch, und das kam bei der damals jungen Generation, die im Zeichen der Postmoderne aufwuchs und zu der auch ich gehörte, gar nicht gut an. Was hatten uns ein Solschenizyn mit seinem völkischen Russentum, was ein Wałęsa mit seinem Katholizismus zu sagen? Diese großväterlichen Weisheiten waren uns nicht einmal wert, dekonstruiert zu werden. Die Geschichte war zu Ende, und wir ritten auf der Welle der Postmoderne in den ewigen Frieden.

Es war eine neue schöne Welt der Diversität und Differenz, losgelöst von bindenden Werten in Denken und Politik, emanzipiert vom Diktat universeller Menschenrechte. Wir hörten Jürgen Habermas nicht zu, als er in der postmodernen Vernunftkritik eine neue Welle der Gegenaufklärung erkannte. Doch es dauerte nicht lange, bis unsere befreiende Postmoderne ihr politisches Zerrbild im Medienpopulismus eines Berlusconi fand, wie es der Philosoph Maurizio Ferraris in seinem Manifest des neuen Realismus schreibt, und dann in Putins Propagandastaat. Wladimir Putin ist ein noch besserer Postmodernist als sein italienischer Männerfreund. Putins Russland lügt, weil es aufrichtig und redlich glaubt, dass es sowieso keine Wahrheit gäbe. In der späten Sowjetunion glaubten weder Leute wie Putin noch solche wie ich an die kommunistischen Parolen. Als die Sowjetideologie verblich, begann aber gleich die Suche nach einer neuen »nationalen Idee« für die Massen. Die jüngste von diesen Ideen ist die orthodox-religiöse Russische Welt. Die Chimäre des russischen Sonderwegs ist auf dem Mist der Blut-und-Boden-Ideologien des vergangenen Jahrhunderts gewachsen, und natürlich ist sie durch und durch konstruiert - hätte man früher gesagt. Heute sage ich einfach - erlogen. Putins Russland ist eine Lüge. Seine Untertanen glauben nämlich weder an Gott noch an Boden und Blut, sondern nur an die zwei Buchstaben, PR, public relations. Dieser Glaube besagt, dass alle Menschen käuflich sind, von Journalisten bis Politiker, von Russen bis Amerikaner. Niemand sagt die Wahrheit, und es zählt nur das, was als englischer Lehnbegriff auf Neurussisch »Pi-Ar« heißt. Es ist die wahre Wahrheit Russlands, und diese Wahrheit ist die Lüge.

Der Kreml zwingt der Welt sein geopolitisches Spiel auf, und in diesem Spiel regiert die politische Postmoderne. Jeder Spieler hat seine eigene Wahrheit, oder gar mehrere, die er nach Bedarf frei variiert. Denn es zählt nur eins: Wer ist stark genug, seine Wahrheit dem Gegner aufzuzwingen. Putins Russland hat nicht wirklich etwas gegen die westliche Allianz, der Putin ja am Anfang selbst beitreten wollte. Er beansprucht für sich lediglich das Recht, dasselbe zu tun, was seiner Meinung nach alle großen Spieler der Geopolitik treiben: betrügen und töten. Wladimir Putin und seine Getreuen kennen die Spielregeln nicht aus philosophischen Texten, sie haben sie auf der Straße gelernt.


Eine Lüge, von Schlägern erzählt, so nannte Ernest Hemingway den Faschismus: Fascism is a lie told by bullies. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Putinismus und dem Hitlerfaschismus ist, dass die Faschisten und Nationalsozialisten ihre Lügen weitgehend selbst geglaubt haben. Der Putinist glaubt jedoch nur an eins, an die Lüge als Lebensprinzip. Wer wie Wladimir Putin oder ich in einer sowjetischen Großstadt aufwuchs, lernte das schon in der Grundschule. Man wird von einer Gruppe von Schlägern umstellt. »Du hast mich an die Lehrerin verpfiffen«, sagt der eine, obwohl man ihn zum ersten Mal sieht. Sagt man, »Das stimmt nicht«, haut er sofort zu. Entschuldigt man sich, wird man erst verhöhnt und dann verdroschen.

Opfergejammer gepaart mit geballter Faust ist eine nicht unbekannte Gebärde. Putins Russland, das wie eine Weltmacht in den Ring springt, beklagt sich zugleich über westliche Intrigen. Dem Kreml sind die Schwächen des russischen Staates, der Wirtschaft und des Militärs durchaus bewusst. Doch in einer Straßenschlägerei versteckt man die eigenen Schwächen. Der Gegner soll denken, du seist stark. Der Gegner soll Schiss bekommen. Er soll glauben, dass er, zweifelt er deine Lüge an, umgehend eine auf die Schnauze bekommt. Er kann deeskalieren, wie es Politiker überall auf der Welt mit Putin versuchen. Er kann »Frieden!"« rufen, aber mit dem Effekt, dass der Schläger auch »Frieden!« schreit, bevor er zuschlägt.

Wenn sich der Angegriffene nicht von vornherein gegen die Lüge wehrt, wird er sich auch gegen die Gewalt nicht wehren. Er wird verdroschen, und der Angreifer hat eigentlich schon in dem Moment gesiegt, als ihn sein Opfer nicht gleich einen Lügner nannte.

Selbstverständlich ist Russland kein Land roher Gewalttäter, die skrupellos Passagiermaschinen abschießen. Selbstverständlich gibt es auch ein anderes Russland, und nicht nur eins. Doch die ganze Vielfalt Russlands wurde ins innere und äußere Exil verbannt. Bis das Trugbild zusammenbricht, können die Millionen Kartoffelbauern oder Mathematiklehrer, Bankkauffrauen oder Verlagslektoren politisch genauso wenig ausrichten wie jemand, der wie ich Russland verlassen hat. Nur eine Stimme ist jetzt in Russland zu hören, es ist die Stimme des kollektiven Putins, und sie verschlägt einem die Sprache.


Die heutige politische Sprache wird dem Zerfallsprozess der herkömmlichen Ordnungssysteme in Europa und der Welt nicht mehr gerecht. Die alten Parolen über den aggressiven amerikanischen Imperialismus vernebeln nur die Umstände des Krieges für die »Russische Welt«. Genauso wenig werden die Erklärungsmuster des Postkolonialismus dem Morden des »Islamischen Staates« gerecht. Dafür gibt es noch keine Begrifflichkeit. Für den Anfang könnte man, allen postmodernen Zweifeln zum Trotz, den Krieg wieder Krieg nennen, und die Lüge Lüge.

Mit Russlands Lügen verhält es sich wie damals mit meiner Heizung in Berlin. Ich wohnte in einem Haus mit Kohleöfen, in dem die Mieter nach und nach auf eigene Kosten Gasheizungen einbauten. Ein Nachbar allerdings sah darin die »Bedrohung seiner Existenzgrundlage«. Im noch nicht gentrifizierten Kreuzberg pflegte man so über Mieterhöhungen zu sprechen. Er schleppte weiterhin täglich zwei Eimer Briketts hoch für seine vier Kachelöfen. Uns grüßte er nicht mehr. Er wurde immer grimmiger, je mehr Nachbarn dem Klub der Modernisierer beitraten. Genauso verhält sich Putin, doch unser kältebeständiger Mitmieter durchbrach damals die Wand zu meiner Wohnung nicht, besetzte auch meine Küche nicht, in der die Gastherme hing, er schrie auch nicht wie Putin über die Ukraine: »Ihr gefährdet meine existenziellen Interessen!«


»Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen«, dieser in der Postmoderne so beliebte Spruch Nietzsches hat heute seine wahre Bedeutung gezeigt, die Ferraris so formuliert: »Die Vernunft des Stärksten ist immer die beste.« Das ist paradoxerweise genau das Gegenteil davon, was jemand wie Michel Foucault eigentlich erreichen wollte: Denn wenn die Macht immer das Sagen hat, ist auch allein die Macht real. Nicht zufällig formiert sich die aktuelle Auseinandersetzung mit dem postmodernen Denken um den Begriff des Realen. Der Spekulative Realismus will das Reale unabhängig von unserer Wahrnehmung denken, der nuovo realismo setzt sich stark ab von den politischen Implikationen der Postmoderne: »Das, wovon die Postmodernisten geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht«, sagt Ferraris.

Natürlich war es nicht die Philosophie, die weltweit die Berlusconis oder Putins hervorbrachte. Doch die Ablehnung von deren Lügenpolitik erfordert auch die Revision des postmodernen Habitus. Der plurale Wahrheitsbegriff der Postmoderne wird gerade in der Ukraine zerschossen. Putin erzwingt einen Rückzug in die Realität, und an die Stelle der Realpolitik tritt das Reale. Das altmodische Wagnis, den Dingen Namen zu geben. Den Luxus relativer Wahrheiten und entwerteter Werte gibt es schlicht nicht mehr. In Russland hat die Lüge wieder einmal gesiegt, und wieder einmal wird allein eine einfache, schwarz-weiße Sprache diesem Drama gerecht. Bei Solschenizyn klingt das so: »Die Gewalt kann sich nur mit der Lüge verhüllen, und die Lüge kann nur durch Gewalt bestehen«.


Boris Schumatsky, Jahrgang 1965, ist in Moskau aufgewachsen und lebt als Schriftsteller und Publizist in München. In seinem Buch »Silvester bei Stalin« erzählte er die Geschichte seiner Familie in der Zeit des Stalinterrors. Sein gerade abgeschlossener neuer Roman spielt in der Wendezeit und setzt sich mit dem Lebensgefühl der Postmoderne auseinander.



.
© »Lupenrein verlogen« Die Zeit Nr. 41, 1. Oktober 2014


.
kontakt        
.
startseite